DER HAMMER-Gedicht von Admiral Mahic, übersetzt aus dem Bosnischen von Anita Buti

Publié le par Thomas Dretart




DER HAMMER 

(an Kurt Neumann) 

Im Vulkan, wo ich herkomme – macht niemand seine Arbeit.

Das Flimmern der prachtvollen Glut vermählte sich mit der Sprachpolitik.

Oh, Hammer der Erde, lass mich Bürger von Österreich sein.

Oh, Hammer des Himmels, lass mich die Lyrik heiraten! 

Genau um 13.45 Uhr – im Speisewagen, im Pfiff des Zuges nach Wien, ich und der Jüngling aus Sambia trinken einen Whisky, der Hoffnungen weckt …

Wir preisen den Hammer.

Ich verlasse Sarajevo, doch Sarajevo, noch ist in mir das Geräusch der Kamera, die den Atem von Verbrechern auf der Flucht aufnimmt –

Der Jüngling aus Sambia verlässt seine angezündete sambische Feuerstätte auf der Suche nach der verkohlten jungen Frau … 

Genau um 13.46 Uhr – der freie Denker Hermann Broch betritt den Speisewagen und bestellt einen Whisky ohne Eis …

Auf einmal, in dem Augenblick als der Güterzug neben unserem Zug vorbeidröhnt –

schluckt Hermann seinen Whisky herunter – und ohne den Blick vom Glas zu wenden sagt er: «Dem Einsamen ist der Tod verriegelt, das Wissen über den Tod erlangt man zu zweit.»

Fürs Erste zählt der Jüngling aus Sambia die Tunnele …

Ich öffne das Fenster im Speisewagen und winke dem Hammer, der den Körper und das Blut des Aufstands geschmiedet hat!

Ein Gruss auch an Carla del Ponte, die Königin der Gerechtigkeit, die keine Furcht kennt, denn sie wird detailliert die südslawische Faktur für den Genozid überprüfen!

Der Aufstand ist König.

Doch was bist du, Blutrünstigkeit, und woher kommst du? 

Genau um 13.47 Uhr – ich sage der Blutrünstigkeit: «Das ist das Universum und kein Stall. Das ist der Hammer, der die Kontrastdetails von Leben und Tod ebnet.» 

Genau um 13.48 Uhr – der Jüngling aus Sambia tanzt und singt Rap …

Schwarze, schnallt euch an, wir landen in der weissen Farbe … 

Genau um 13.49 Uhr – mit der Stimme eines Ansagers verkünde ich: «Liebe Fahrgäste, wir fahren ein in den Bahnhof meiner Probleme …» 

Ich habe die Heizung ausgemacht.

Im Kühlschrank lesen einige Eier und geviertelte Käsestücke meine Gedichte.

Und wo bleibt das Wasser, frage ich den Wasserhahn?

Und wo bleibt das Geld, frage ich die leeren Hosentaschen.

Ich winde und schlängle mich durch Sarajevo, wen auch immer ich treffe, als wäre ich auf Sklaverei gestossen …

Doch in Sarajevo bin ich noch nicht jenem Mädchen begegnet, das an die gegenseitige Liebe glaubt … Manchmal begegne ich einem Funken, aber auch er ruft ständig jemanden auf's Natel an …

Nur in der eiskalten Entsagerstube bin ich frei und träume, was ich will … 

Ich grüsse die Sonne, welche Anna-Maria liebt.

Ich grüsse die weissen Rosen, welche Marianne lieben.

Ich grüsse die Veilchen unter dem Säbel der Heiterkeit, welche Andrea lieben.

Ich grüsse die sichtbare Welt und die unsichtbare Welt, welche einzig und allein dank der Güte besteht! 

Liebe Fahrgäste, das bin ich – der Vollmond aus Sarajevo, der träumt, dass er Liebe macht mit der Lyrik – und der kein Deutsch spricht, euch aber in bosnischer Sprache fragt: «Warum gehen wir nicht alle in Sambia etwas trinken!? Freilich könnten wir aus Sambia auf Giraffen nach Sarajevo herbeireiten – um einen Kranz aus Feldblumen auf das Grab der unbekannten Mutter zu legen!» Liebe Fahrgäste, das bin ich – Partisan, Moslem, Christ, Buddhist und Jude, im Antlitz von Jesus Christus, Taoist – denn mein Leben ist ein blutheftiger Aufstand! 

Genau um 13.50 Uhr – ich besänftige mich mit der Stimme von Eichendorff: «Gib dich der Liebe ganz hin, doch hüte dich davor, in Begeisterung jenes wilde Tier in deiner Brust zu wecken, damit es nicht unerwartet aus dir ausbricht und dich persönlich zerreisst!» 

Genau um 13.51 Uhr – der Hammer ebnet das Knie des wilden Tieres. 

Genau um 13.52 Uhr – Ginsberg fragt Amerika: «Amerika, warum sind deine Bibliotheken gefüllt mit trockenen Tränen?» 

Genau um 13.53 Uhr – meine Mutter ist gestorben. 

Oh, Hammer, lass mich Bürger von Österreich sein.

Oh, Hammer, lass mich die Lyrik heiraten!

Liebe Fahrgäste, willkommen in Wien, der Heimat des Sonnenaufgangs! 
 
 
 
 

Gedicht von Admiral Mahic, übersetzt aus dem Bosnischen von Anita Buti

 

Publié dans La poésie non clssée

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