Admiral Mahić. IM KINO / U KINU

Publié le par Thomas Dretart




 IM KINO

 

 

Volk. Wirrwarr und angebliches Gespräch zum Thema:

TOD DEM FASCHISMUS – FREIHEIT DEM VOLK!

Ich grüsse die Strassenreiniger in orangen Anzügen.

Sie erwidern.

Die orange Farbe hemmt die Hast des Verstandes.

Fenster, Dächer, nackte Baumkronen, zwei Spatzen, am Strick ein blutbeflecktes Pyjama, Drahtzäune, steile Strasse, welche ein Mann mit blauem Sack in der linken Hand hinunterläuft, und welche ein Mann im Mantel mit einem Sack in der rechten Hand hinaufgeht, dann ein Frau in roter Jacke, ein Mann richtet seinen Kragen, ein Auto fährt hinauf, ein Bus fährt hinunter, zwei junge Frauen laufen hinunter, zwei junge Männer gehen hinauf, mit ihnen noch einer mit hochgehobenem Schirm, der Ambulanzwagen fährt hinunter, Schritt für Schritt kommt ein entzückter Student mit einer schüchternen Studentin hinein, endlos rennen Leute hin und her, Rauch, darum versuche ich mich im Durchtrennen zweier Unendlichkeiten zu sehen, ich muss im Kind sein, das an einem Fenster den Vorhang aufmacht, ich muss im Pfirsich neben dem trockenen Blatt sein, im trockenen Blatt neben dem Messer.

Ich grüsse den Glockengiesser, der mit dem Feuer den Dämon aus dem Metal austreibt.

Ich grüsse alles Warme, alles Kalte und Weiche und Harte, alles Lebende und Nichtlebende, denn sie sind ein Paar, auch wenn sie sich noch nie gesehen haben.

Ich grüsse meinen Feind, der beabsichtigt, mich zu entstellen.

Er erwidert nicht.

Er hat den Kampf verloren und jetzt ist er ein Nichts.

Ich grüsse das Gewölbe.

Es erwidert der himmlische König, der die Sache untersucht.

Ich grüsse die steinernen Engel in den Gebäuden im grünen Frühlingslicht, die vor Erkältung steif geworden sind.

Ich grüsse die Musikakademie.

Es erwidert die Flöte.

Ich grüsse den Besitzer der Kaffeebar, denn er steigt aus dem Mercedes aus.

Ich grüsse die Katze, die will – will nicht die Pfote auf’s Evangelium legen.

Ich grüsse das Flugzeug, das irgendetwas mit der wilden Gans redet, deren linker Flügel eine Mattigkeit verspürt.

Ich grüsse die Gewichte in der Metzgerei. Das Gewicht von einem halben Kilogramm wiegt nicht ein halbes Kilogramm.

Ich grüsse die Hamam-Bar.

Es erwidert die arabische Musik als beste Freundin.

Ich grüsse die Mondkrater, die Kant und Boskovic heissen.

Ich grüsse den Taxifahrer. Er öffnet sofort die Türe.

Ich grüsse den Roma mit der Ziehharmonika, der sagt, dass jede Arbeit bezahlt wird.

Ich grüsse das bildhafte Kindlein, das in den Armen der Heiligen Mutter eingeschlafen ist.

Ich grüsse die Diebe.

Sie erwidern, biegen aber ins erste Dunkel ab.

Ich grüsse die Jungfrauen, vergewaltigte Ehefrauen, ich grüsse alle Frauen. Sie erröten von Kopf bis Fuss.

Ich grüsse die Altstadt zwischen den Sternen.

Es erwidern die Fassaden der versunkenen Atlantis.

Ich grüsse die schmalen Pappeln auf gespitzten Bergen.

Ich grüsse die ersten Leute, die sich mit den zweiten Leuten nicht vertragen, und die zweiten Leute, die sich mit den ersten Leuten nicht vertragen.

Ich grüsse das Wasser, das in der Kanalisation plätschert, die Wahrheit oder die Lüge?

Ich grüsse das ganze Menschengeschlecht, das sich ins Verderben stürzt.

 

Auf der Kinoleinwand hat sich die aufregendste Szene noch nicht ereignet. Das Jüngste Gericht.
 

Aus dem Gedichtband „Man sollte nüchtern sein“ von Admiral Mahic, übersetzt aus dem Bosnischen von Anita Buti

Publié dans La poésie non clssée

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